Donnerstag, 8. Dezember 2011

"Die Gespielin" Appetthäppchen, Teil 2

Die Marquise führte Suzanne nun zu einer Gruppe von
Damen und Herren, in der laut gelacht wurde. Überrascht
beobachtete sie, dass die Damen an den Kleidern der Herren
herumzupften und alles, was golden war, herausrissen. Tres-
sen, Bänder mit Goldfäden, Knöpfe – nichts war vor den zar-
ten Fingern sicher. Dabei kam man sich ungebührlich nahe, es
wurde gekichert, Dekolletés hoben und senkten sich, und den
Herren schien es sehr zu gefallen, auf diese Art ausgeplündert
zu werden.
»Ah, die Parfilage!«, rief die Marquise. »Es gibt keinen bes-
seren Zeitvertreib. Und nebenbei kann man auch noch seine
Spielschulden bezahlen!«
Sie zog Suzanne mitten in das Getümmel und stellte sie vor.
Fremde Gesichter kreisten um sie, all die Namen entschwanden
sofort wieder ihrem Gedächtnis. Sie sah lachende Münder und
flinke Finger, die an den Röcken der Herren herumrissen. Es
roch nach Schweiß und Ambra.
»Greift ebenfalls zu!«, rief die Marquise lachend. »Bald stehen
die Herren arm wie Bettler da!«
Suzanne zögerte, da stand auf einmal Julien vor ihr. Mit Ver-
schwörermiene beugte er sich zu ihr herunter.
»Es wäre mir ein Vergnügen, von Euch ausgeraubt zu werden,
Madame de Montfort«, flüsterte er.
»Ich denke, das ist nur gerecht, nachdem Ihr mir vor kurzem
auch etwas geraubt habt«, entgegnete Suzanne, und der Marquis
warf den Kopf zurück und lachte schallend.
»Ihr seid nicht nur reizvoll, sondern auch noch schlagfertig«,
sagte er. »Das ist wahrlich mehr, als ich zu hoffen wagte!«
»Nun, schlagfertig seid Ihr ebenfalls, vor allem mit Euren
Handflächen«, entgegnete Suzanne, ohne eine Miene zu ver-
ziehen, und machte sich keck daran, seinen Justaucorps zu
filzen. Juliens Arm glitt um ihre Taille, und er zog sie an sich.

"Die Gespielin" erscheint am 19. Dezember 2011 im Goldmann Verlag
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